15 November 2017 - PRESSEMITTEILUNG

„Der Zika-Ausbruch in Brasilien könnte bald vorbei sein“

Wissenschaftler konnten aufklären, wie sich das Zika-Virus in einer brasilianischen Metropole verbreitet hat. Aufgrund ihrer Daten geben sie Entwarnung: Der Ausbruch geht seinem Ende entgegen, weitere Ausbrüche in der Region sind eher unwahrscheinlich. Keine Entwarnung hingegen gibt es hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen Zika-Infektion in der frühen Schwangerschaft und den Fehlbildungen bei Neugeborenen: dieser Zusammenhang wurde in der Studie bestätigt. Und noch ein drittes Ergebnis ist wichtig für zukünftige Maßnahmen: Ärmere Bevölkerungsschichten sind von der Zika-Infektion am stärksten betroffen.

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Fazenda Grande do Retiro: Stadtviertel von Salvador© Ianei Carneiro

2016 machte der Ausbruch des Zika-Virus in Brasilien erstmals bei uns Schlagzeilen. Mit etwa 65 Millionen betroffenen Menschen gehört er zu den größten Epidemien der letzten Jahre. Die Olympiade schürte zusätzlich Ängste, dass sich das Virus global ausbreiten könnte. Als dann die ersten Fälle von Mikrozephalie – Fehlbildungen des Gehirns von Neugeborenen – im Zusammenhang mit Zika genannt wurden, war klar, dass Forschung dringend vonnöten war. Das DZIF reagierte auf diese globale Herausforderung. Unter der Leitung von Jan Felix Drexler, Charité – Universitätsklinikum Berlin, brachte das DZIF ein Verbundprojekt mit Beteiligung brasilianischer Wissenschaftler auf den Weg, das die Zika-Pathogenese und -Epidemiologie untersuchen sollte.

Immunität lässt dem Virus immer weniger Spielraum

„Die Durchseuchung der Bevölkerung im nordöstlichen Brasilien ist so hoch, dass der aktuelle Zika-Ausbruch bald vorbei sein könnte“, erklärt Drexler. Wer eine Zika-Infektion überstanden hat, ist in der Regel immun gegen das Virus. Dem Zika-Virus gehen so die neu infizierbaren Menschen aus, die dann nicht mehr als Virusquelle für Stechmücken zur Verfügung stehen. „Weitere Ausbrüche in der gleichen Region sind daher eher unwahrscheinlich“, so die Autoren der Studie. Derzeit breitet sich das Zika-Virus von Brasilien in die Nachbarländer aus. Doch auch dort, so Drexler, wird es nach und nach von allein abklingen. Noch ist allerdings nicht klar, ob das Zika-Virus sich in anderen Tieren verstecken kann, um später wieder neue Ausbrüche in Menschen zu verursachen.

Erstmals laborbasierte Daten zur Verbreitung des Virus

Bei der aktuell veröffentlichten Studie handelt es sich um die erste laborbasierte epidemiologische Studie seit Beginn der Zika-Epidemie. Proben von 910 Menschen in Salvador, Nordost-Brasilien, wurden auf Antikörper gegen Zikaviren, aber auch gegen andere durch Mücken übertragene Viren – wie Chikungunya und Dengue – untersucht. Die Proben stammten aus der Zeit vor, während und nach dem Höhepunkt des Zika-Ausbruchs. Für diese Metropole wurde eine Infektionsrate mit Zika-Viren von über 63 Prozent gezeigt. Um mehr über die Verbreitungswege, das Ansteckungsrisiko und den Zusammenhang mit Missbildungen herauszufinden, nutzten die Wissenschaftler einen multidisziplinären Ansatz. Neben Laborwerten sind mathematische Modellierung und soziodemographische Daten in die Auswertung eingeflossen.

Zika und Mikrozephalie: Ein Zusammenhang wird bestätigt

„Die gehäufte Zahl an Neugeborenen mit Mikrozephalie, die während des Zika-Ausbruchs in Brasilien beobachtet wurde, geht auf eine Zika-Infektion der Mütter in der frühen Schwangerschaft zurück“, erklärt Drexler. Die Daten aus der brasilianischen Metropole haben diese Vermutung bestätigt und machen es nun gemeinsam mit anderen Studiendaten auch möglich, die Wahrscheinlichkeit einzugrenzen: Die Forscher schätzen, dass etwa eine von 100 Müttern, die in der frühen Schwangerschaft infiziert werden, ein Kind mit Mikrozephalie zur Welt bringt.

Ärmere Menschen sind stärker von Zika bedroht

Die Analyse der Daten zum sozioökonomischen Status machten deutlich, dass ein Zusammenhang zwischen der Wahrscheinlichkeit einer Zika-Infektion und höherer Armut besteht. „Wir sehen, dass die ärmeren Bevölkerungsschichten stärker von Zika betroffen sind“, bestätigt Drexler. Warum das so sei, könne man derzeit nur vermuten. Die Wissenschaftler sehen einen Grund in den schlechteren Wohnverhältnissen. „Die Mücken gelangen einfacher in die Häuser und die Menschen sind schlechter geschützt.“ Diese Ergebnisse, so die Autoren der Studie, können bei zukünftigen Maßnahmen gegen Zika berücksichtigt werden. So sollte man vor allem in ärmeren Regionen dafür sorgen, dass die Menschen besser vor den Mücken geschützt werden. Und mögliche Impfstoffe und Medikamente, an denen die Wissenschaftler ebenfalls mit Hochdruck arbeiten, könnten gezielter eingesetzt werden.  

Globale Herausforderungen gemeinsam angenommen

Beteiligt an der Studie waren über das DZIF-Verbundprojekt ZikaPath die Universität zu Köln, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und das Heinrich-Pette-Institut in Hamburg. Weitere Unterstützung kam über das ZIKAlliance-Projekt, ein von der EU gefördertes Verbundprojekt. Die deutschen Forscher arbeiteten eng mit Partnern der Universität Salvador in Bahia in Brasilien zusammen und mit Partnern aus dem Universitätsklinikum Bonn, dem Fraunhofer-Institut in Leipzig, der London School of Hygiene & Tropical Health und der Universität Aix-Marseille.

Publikation
Eduardo Martins Netto, Andres Moreira-Soto, Celia Pedroso, Christoph Höser, Sebastian Funk, Adam J. Kucharski, Alexandra Rockstroh, Beate M. Kümmerer, Gilmara Souza Sampaio, Estela Luz, Sara Nunes Vaz, Juarez Pereira Dias, Fernanda Anjos Bastos, Renata Cabral, Thomas Kistemann, Sebastian Ulbert, Xavier de Lamballerie, Thomas Jaenisch, Oliver J. Brady, Christian Drosten, Manoel Sarno, Carlos Brites, Jan Felix Drexler:
High Zika Virus Seroprevalence in Salvador, Northeastern Brazil Limits the Potential for Further Outbreaks.
mBIO November 2017, 8 (6); doi: 10.1128/mBio.01390-17.

Kontakt
Prof. Jan Felix Drexler
DZIF-Schwerpunkt “Neu auftretende Infektionskrankheiten”
Charité – Universitätsmedizin Berlin
T: +49 30 450 525461
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Pressekontakt
Karola Neubert und Janna Schmidt
DZIF-Pressestelle
T +49 531 6181 1170/1154
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Im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) entwickeln bundesweit circa 500 Wissenschaftler und Ärzte aus 35 Institutionen gemeinsam neue Ansätze zur Vorbeugung, Diagnose und Behandlung von Infektionskrankheiten. Ziel ist die sogenannte Translation: die schnelle, effektive Umsetzung von Forschungsergebnissen in die klinische Praxis. Damit bereitet das DZIF den Weg für die Entwicklung neuer Impfstoffe, Diagnostika und Medikamente gegen Infektionen. Weitere Informationen: www.dzif.de.



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