06 Oktober 2016 - PRESSEMITTEILUNG

Schlechte Voraussetzungen für eine Kurzzeittherapie der multiresistenten Tuberkulose in Europa

Die Behandlung der immer weiter verbreiteten multiresistenten Tuberkulose ist nebenwirkungsreich, teuer und vor allem langwierig. Seit Mai 2016 empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Kurzzeittherapie für betroffene Patienten, wenn die Bakterien gegen alle eingesetzten Medikamente auch empfindlich sind. Doch die DZIF-Wissenschaftler vom Forschungszentrum Borstel warnen: Ihre Studien zeigen, dass eine solche Kurzzeittherapie in Europa nur in wenigen Fällen erfolgreich einsetzbar ist.

Medikamente_gegen_Tuberkulose_640.jpeg

Die Behandlung multiresistenter Tuberkulose ist aufwändig und teuer.© Forschungszentrum Borstel

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich Antibiotika-resistente Stämme der Tuberkulosebakterien dramatisch ausgebreitet. In einigen Ländern Osteuropas werden bereits mehr als 40 Prozent aller Tuberkulosefälle durch multiresistente Bakterienstämme (MDR-TB) verursacht.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat bisher empfohlen, dass Patienten mit einer MDR-TB mit mindestens vier verschiedenen Medikamenten über mindestens 20 Monate täglich behandelt werden. In Studien aus Bangladesch, Niger und Kamerun konnte aber jüngst gezeigt werden, dass mit einer bestimmten Kombinationstherapie von Tuberkulosemedikamenten (anfänglich sieben verschiedene Präparate in Kombination) nur neun bis zwölf Monate einer Behandlung ausreichen, um mehr als 80 Prozent aller betroffenen Patienten zu heilen. Die WHO empfiehlt daher seit Mai 2016 eine Kurzzeittherapie für die betroffenen Patienten in allen Ländern, wenn die Bakterien gegen alle Medikamente der Behandlung auch empfindlich sind.

Tuberkulosebakterien in Europa besonders resistent

Lässt sich diese Empfehlung auch auf Europa übertragen? DZIF-Wissenschaftler vom Forschungszentrum Borstel haben in den letzten Jahren die Ausbreitung multiresistenter Stämme der Tuberkulosebakterien in Europa genauer untersucht und dabei festgestellt, dass die Bakterien, die sich in Europa verbreiten, gegen besonders viele Antibiotika resistent sind. Sie verglichen nun das Niveau der Antibiotikaresistenz von Tuberkulosebakterien bei mehr als 1000 MDR-TB-Patienten aus Europa.  

Die Ergebnisse zeigen, dass über 92 Prozent aller betroffenen Patienten in Europa nicht für die Kurzzeittherapie in Frage kommen, da die Bakterien gegen mindestens eines der Medikamente bereits resistent sind. „Ohne detaillierte Kenntnisse der Antibiotikaresistenz der Tuberkulosebakterien sollte kein Patient in Europa eine Kurzzeittherapie erhalten“, empfiehlt daher Professor Christoph Lange, Leiter der Studie am Forschungszentrum Borstel. „Wenn einzelne Medikamente in einer Therapie nicht wirksam sind, führt das zu einer weiteren Entwicklung von Antibiotikaresistenzen. Statt einer einheitlichen Behandlung führen individuelle Therapien zu besseren Behandlungsergebnissen“, betont Lange. Mit Unterstützung des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung arbeiten die Borsteler Wissenschaftler an maßgeschneiderten Therapien und entwickeln Biomarker, um die Dauer der Behandlung, die für eine Heilung notwendig ist, individuell festzulegen.

Publikation

Lange C. et al.: Limited benefit of the new shorter MDR-TB regimen in Europe. Am J Respir Crit Care Med 29 Sept 2016. DOI: 10.1164/rccm.201606-1097LE

Kontakt

Prof. Dr. Christoph Lange
Forschungszentrum Borstel
Deutsches Zentrum für Infektionsforschung
T +49 4537 188 3320/1
E-Mail

DZIF-Pressestelle
Karola Neubert und Janna Schmidt
T +49 531 6181 1170/1154
E-Mail



Zurück zur Liste