12 März 2018 - PRESSEMITTEILUNG

Ungleiche Behandlung der multiresistenten Tuberkulose in Europa

Wissenschaftler zeigen, dass die Versorgung von Patienten mit multiresistenter Tuberkulose in Osteuropa deutlich schlechter ist als in Westeuropa.

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Vielschichtige Bilder von der Lunge helfen bei Diagnose und Therapie..© FZ Borstel

Die weltweite Zunahme von Tuberkulose-Patienten ist alarmierend. Besonders besorgniserregend ist die Zunahme von Erkrankungen, bei denen die Erreger gegen die wirksamsten Medikamente resistent sind, die sog. multiresistente Tuberkulose (MDR-TB). Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Anzahl der Patienten, bei denen eine MDR-TB diagnostiziert wurde, in den vergangenen fünf Jahren durchschnittlich um 20 Prozent pro Jahr zugenommen. Die Chancen auf eine erfolgreiche Behandlung der MDR-TB betragen den WHO-Angaben entsprechend international nur etwa 50 Prozent.

Ärzte und Forscher der „Tuberculosis Network European Trialsgroup“ (TBNET) widmen sich seit mehr als einem Jahrzehnt den Ursachen für die schlechten Behandlungsergebnisse der MDR-TB in Europa. Das TBNET wird geleitet vom Forschungszentrums Borstel – Leibniz Lungenzentrum, das Mitglied im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) ist. In einer aktuellen Studie (Günther G et al. Am J Respir Crit Care Med 2018) konnten die Forscher erstmalig deutliche Unterschiede in der Versorgung von Patienten mit einer MDR-TB innerhalb Europas zeigen.

In den sog. Hochinzidenzländern Osteuropas sind sehr viele Patienten von einer MDR-TB betroffen. Jedoch müssen Patienten in diesen Ländern, zum Beispiel in Weißrussland und Moldawien zwei Monate länger auf ihre Therapie warten als in Westeuropa. Während die Behandlung in Westeuropa in der Regel an die Ergebnisse einer Antibiotikaresistenzprüfung individuell angepasst wird, erhalten Patienten in Moldawien oder Weißrussland häufig noch eine feste Standardtherapie, in der einige der eingesetzten Medikamente bereits wirkungslos sind. Hinzu kommt, dass unter einer Standardtherapie neue, zusätzliche Antibiotikaresistenzen viermal häufiger auftreten als unter einer individuell abgestimmten Therapie, die schon vorhandene Resistenzen berücksichtigt. Das Risiko, an einer MDR-TB zu sterben, war in den Hochinzidenzländern Osteuropas 5-mal so hoch wie in Westeuropa.

Chancen auf Heilung besser als gedacht

Jedoch hielt diese Studie eine Überraschung bereit: Nach Auswertung der Daten schienen die Heilungschancen für Patienten mit einer MDR-TB in den Hochinzidenzländern Osteuropas viermal besser zu sein als im Westen. „Das liegt einzig an der Definition für Heilung, welche von der WHO verwendet wird“ erklärt der Leiter der TBNET-Studie, Professor Christoph Lange vom Forschungszentrum Borstel. „Die Kriterien, welche die WHO für eine Heilung von einer MDR-TB heranzieht, werden am letzten Tag der Therapie abgefragt. Das ist etwa so, als wenn man einem Patienten mit einer Krebserkrankung am letzten Tag der Chemotherapie mitteilt, er sei geheilt, ohne das Risiko eines Rückfalls zu beachten“, so Lange.

Gemeinsam mit Dr. Gunar Günther vom Forschungszentrum Borstel und Kolleginnen und Kollegen an 23 Kliniken in 16 europäischen Ländern wurden die Behandlungsverläufe von 380 Patientinnen und Patienten mit einer MDR-TB vom Zeitpunkt der Diagnosestellung bis ein Jahr nach Therapieende verfolgt. Die Wissenschaftler stellten danach neue Definitionen für Therapieergebnisse auf und konnten zeigen, dass die tatsächlichen Chancen, von einer MDR-TB geheilt zu werden, in ganz Europa deutlich besser sind als bisher angenommen.

Allerdings versagt die Therapie bei 25 Prozent der Patienten in Osteuropa, in Westeuropa sind es nur 15 Prozent. „Die Unterschiede in der Versorgung von Tuberkulosepatienten sind innerhalb Europas gravierend. Die am meisten betroffenen Länder haben die geringsten Ressourcen für die Prävention, Diagnostik und Therapie“, sagt Lange. „Hier gibt es konkreten Handlungsbedarf, den europäischen Nachbarn zu helfen.“

Individualisierte Therapie erhöht Heilungschancen

Dabei ist die MDR-TB mit modernen Mitteln und Ressourcen gut zu behandeln. Klinische Forscher des Tuberkulose-Forschungsbereichs am DZIF konnten kürzlich zeigen, dass sich die Heilungschancen von Patienten mit einer MDR-TB unter individualisierter Therapie aktuell nicht mehr von den Heilungschancen bei Patienten mit nicht-resistenten Tuberkulosebakterien unterscheiden (Heyckendorf J et al. Eur Respir J 2018).

Publikationen

Günther G, van Leth F, Alexandru S, Altet N, Avsar K, Bang D, Barbuta R, Bothamley G, Ciobanu A, Crudu V, Danilovits M, Dedicoat M, Duarte R, Gualano G, Kunst H, de Lange W, Leimane V, Magis-Escurra C, McLaughlin AM, Muylle I, Polcová V, Popa C, Rudolf Rumetshofer, Skrahina A, Solodovnikova V, Spinu V, Tiberi S, Viiklepp P, Lange C. Clinical management of multidrug-resistant tuberculosis in 16 European countries. Am J Respir Crit Care Med. 2018 Mar 6. doi: 10.1164/rccm.201710-2141OC. [Epub ahead of print]

Heyckendorf J, van Leth F, Kalsdorf B, Olaru ID, Günther G, Salzer HJF, Terhalle E, Rolling TE, Glattki G, Müller M, Schuhmann M, Avsar K, Lange C. Relapse-free cure from multidrug-resistant tuberculosis in Germany. Eur Respir J. 2018 Feb 21;51(2). pii: 1702122. doi: 10.1183/13993003.02122-2017.

Kontakt

Prof. Dr. Dr. h.c. Christoph Lange
Forschungszentrum Borstel – Leibniz Lungenzentrum
Forschungsbereich Tuberkulose am DZIF
T +49 4537 188 3320
E-Mail

DZIF-Pressestelle
Karola Neubert und Janna Schmidt
E-Mail

Über das Forschungszentrum Borstel

Das Forschungszentrum Borstel ist das Lungenzentrum der Leibniz-Gemeinschaft. Im Fokus stehen die Tuberkulose, andere infektionsbedingte Erkrankungen der Lunge und chronisch-entzündliche Lungenerkrankungen wie Asthma und COPD. Das übergeordnete Ziel der interdisziplinären Forschungsaktivitäten ist es, die Ursachen und Mechanismen dieser Lungenerkrankungen aufzuklären, um daraus neue innovative Konzepte zu deren Prävention, Diagnostik, und Therapie abzuleiten.  

Im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) entwickeln bundesweit circa 500 Wissenschaftler und Ärzte aus 35 Institutionen gemeinsam neue Ansätze zur Vorbeugung, Diagnose und Behandlung von Infektionskrankheiten. Ziel ist die sogenannte Translation: die schnelle, effektive Umsetzung von Forschungsergebnissen in die klinische Praxis. Damit bereitet das DZIF den Weg für die Entwicklung neuer Impfstoffe, Diagnostika und Medikamente gegen Infektionen. Weitere Informationen: www.dzif.de



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