07 Dezember 2015 - PORTRÄT MICHAEL HÖLSCHER

Forscherkarriere zwischen München und Afrika

Von Anfang an und immer wieder Afrika: Michael Hölschers Forscherlaufbahn hat vor über zwanzig Jahren in Tansania begonnen. HIV und Tuberkulose sind die Themen, die seither ganz oben auf seiner Agenda stehen und die er heute im DZIF mit koordiniert. Wie kaum ein zweiter verkörpert er den Prototyp des „Clinical Scientist“, der Forschung und Therapie im Blick hat. Im vergangenen Jahr übernahm Hölscher eine DZIF-Professur für Global Health & Infectious Diseases am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München, bald darauf auch noch die Leitung der dortigen Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin.

Michael Hölscher, LMU München

Prof. Michael Hölscher, LMU München© DZIF

Kein Wunder also, dass man diesen Mann schwer zu fassen bekommt. Neben DZIF und Tropeninstitut fliegt er mehrmals im Jahr nach Mbeya, Tansania, wo er eine Forschungsstation aufgebaut hat. Doch sitzt man ihm erst einmal in seinem Münchner Büro gegenüber – bewacht von zwei hölzernen afrikanischen Masken –, ist von Hektik nichts zu spüren. Keine verstohlenen Blicke auf die Uhr – völlig entspannt wirkt Michael Hölscher, leger gekleidet in dunkelblauem Hemd und Jeans – und nimmt sich Zeit für ein Gespräch über seine Arbeit und sein Leben.

„Wäre es nach meiner Mutter gegangen, wäre ich heute Tierfilmer in Afrika“, erzählt Michael Hölscher schmunzelnd. Auch wenn es etwas anders kam – klar war für ihn von klein auf, dass er nach Afrika wollte. Gleich die erste Chance im Medizinstudium nutzte er und ging für seine Famulatur nach Botswana. „Ich habe mich sofort wohl gefühlt in Afrika.“ Und dabei ist es geblieben. Seine Doktorarbeit begann Michael Hölscher 1992 in Tansania – „nachdem ich fünf Mal zu meinem Doktorvater laufen musste, um ihn von einer Forschungsarbeit in Afrika zu überzeugen“. In den 80er Jahren war gerade HIV als Verursacher von AIDS erkannt und so fand Hölscher schnell sein Promotionsthema: „Könnte es helfen, Geld in Einmalspritzen in Afrika zu stecken, um die Ansteckungsrate zu verringern?“ Seine Arbeit, für die er im Jeep von einer Klinik zur nächsten rumpelte und vor Ort akribisch den Inhalt von Spritzen analysierte, wurde in der Zeitschrift AIDS veröffentlicht und viel beachtet.

An sein erstes großes Forschungsprojekt in Afrika kam Michael Hölscher mit 27 Jahren. „Eher zufällig“ geriet er in ein Meeting über HIV-Subtypen. „Eigentlich hatte ich mich für einen Ultraschallkurs angemeldet, aber das Meeting fand nebenan statt und es schien mir einfach interessanter.“ Die verlorenen 400 Euro für den Ultraschallkurs holte er sich mehr als doppelt zurück: Für ein Projekt über Subtypen von HIV in Tansania und Uganda erhielt er bald darauf 300.000 Euro Forschungsmittel. Der Anfang einer Drittmitteljagd, die er noch heute mit Begeisterung betreibt: „Drittmittel für wichtige Projekte einzuwerben, ist für mich der Kick“, gibt er zu. Ideen in Projekte umzusetzen und andere dafür zu begeistern, ist eine seiner Stärken. Viele Millionen Euro Drittmittel für Forschung in Afrika hat sie ihm in den letzten zehn Jahren eingebracht.

Seit 1996 baute Michael Hölscher eine eigene Arbeitsgruppe an der LMU auf und parallel ein Forschungsinstitut in Tansania. Das Mbeya Medical Research Programme (MMRP) in Tansania, dessen Direktor er 1999 wurde, ist sein „Baby“. Afrikaner, Deutsche und zahlreiche internationale Mitarbeiter erforschen und erproben dort gemeinsam neuartige Medikamente, Impfstoffe und Diagnostika zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und anderen Infektionskrankheiten. Seit 2008 ist das MMRP ein staatliches Forschungsinstitut – Ausbildungsprogramme für den wissenschaftlichen Nachwuchs aus Tansania und anderen afrikanischen Ländern haben es möglich gemacht. Als Partnereinrichtung vor Ort steht es nun auch dem DZIF für Forschungsarbeiten zur Verfügung.

Ein Abschied von Afrika? „Ich werde immer hier in Europa eine Stimme für Afrika sein“, erklärt Hölscher. „Ich kenne die afrikanischen Bedürfnisse sehr gut und bin den Menschen eng verbunden.“ Ein Leben in Afrika stand für ihn dennoch nie zur Diskussion. Integriert werde man nicht, hat er erfahren. Das afrikanische Wort für die Weißen – Mzungu – bedeutet „die, die rastlos umherirren“ und es zeigt gut, wie unterschiedlich die Mentalität ist und wahrgenommen wird. Michael Hölscher ist geborener Münchner und in dieser Stadt fest verankert. Mit Frau und drei Kindern lebt er seit Jahren in München und kann sich kaum einen besseren Lebensort vorstellen. Natürlich reist er regelmäßig nach Afrika, denn seine Expertise ist gefragt. Und selbstverständlich haben auch seine Kinder ein Herz für dieses Land. „Im letzten Jahr bin ich mit den Dreien für sechs Wochen durch Tansania gereist“, erzählt er. „Mit 14, 11 und 8 Jahren waren sie alt genug, um das Land kennenzulernen, in dem ich so viel Zeit verbringe. Sie verstehen mich jetzt viel besser.“

Für Michael Hölscher stehen viele neue Aufgaben an, die über Afrika hinausreichen. Seit 2009 koordiniert er verschiedene internationale multizentrische Studien zu HIV und AIDS. Im sogenannten PanACEA-Konsortium ist er Mitspieler im größten europäischen Verbund für Tuberkulose Drug Development. Mit der Entwicklung eines neuen Wirkstoffes gegen die Tuberkulose, genannt BTZ-043, ist auch das DZIF in dieses Programm eingebunden. Immer neue Projekte stößt Hölscher auch hier an und ist überzeugt davon, dass man noch viel mehr aus dem DZIF machen kann. „Ich bin einer der enthusiastischsten DZIF-Befürworter“, bekennt er. Und fügt hinzu: „Aus jedem DZIF-Euro machen wir sieben Euro Drittmittel-Einwerbung.“

Da ist er wieder, der Spieler und Macher. Und er präsentiert gleich noch einen Plan für die Zukunft: „Wir könnten mit dem DZIF eine Product Development Partnership gründen und so die finanziellen und rechtlichen Grundlagen schaffen, DZIF-Produkte auch in Phase III zu bringen.“ Derzeit stehen in der Regel Mittel bis zur ersten klinischen Phase zur Verfügung. Anschließend ist das DZIF darauf angewiesen, Pharmaunternehmen für die weitere klinische Entwicklung zu finden. Projektideen hat Hölscher zur Genüge und mit seinem Talent, andere zu begeistern und mitzureißen, wird er noch viele Vorhaben auf den Weg bringen. „Ich bin ein typischer Jäger; sobald ich ein Projekt und die Mittel habe, kann ich allerdings ganz gut delegieren.“ Auch das unabdingbar bei der Vielzahl an Vorhaben, für die Hölscher sich engagiert.

Einen Schwerpunkt seiner Arbeit wird in den nächsten Jahren die Leitung des Tropenmedizinischen Instituts bilden. „Daraus lässt sich noch sehr viel mehr machen“, ist er sicher. An der Uni München engagiert er sich im PhD-Programm, im DZIF wirkt er als Berater im Internen Beirat mit. Michael Hölscher gibt gern etwas von dem zurück, was er erhalten hat.

Nach zweieinhalb Stunden intensiven Gesprächs dann doch ein Blick auf die Uhr. Die Jahrestagung des DZIF beginnt in wenigen Minuten und da will man nicht fehlen. Es gibt viel zu besprechen und eine ganz neue Idee im Zusammenhang mit der Gesundheit der Flüchtlinge nimmt Gestalt an. Michael Hölscher wird sie mit Leidenschaft und Überzeugungskraft in die Tat umsetzen.  



Zurück zur Liste