01 April 2014 - PORTRÄT RALF BARTENSCHLAGER

Preisträger ohne Allüren

Die Erfolgsgeschichte der Hepatitis C-Forschung ist auch seine Geschichte: Ralf Bartenschlager, Virologe am Universitätsklinikum Heidelberg, erforscht seit über zwanzig Jahren das Hepatitis C-Virus. Er entwickelte ein Zellkultursystem, ohne das es die neuen hochwirksamen Medikamente gegen diese Krankheit heute nicht geben würde.

Ralf Bartenschlager, Virologe am Universitätsklinikum Heidelberg

Ralf Bartenschlager, Virologe am Universitätsklinikum Heidelberg© DZIF

 

1989 wurde das Hepatitis C-Virus (HCV) erstmals mit Hilfe gentechnischer Methoden identifiziert. 25 Jahre später ist diese Virusinfektion, die unbehandelt zu Leberzirrhose und Leberkrebs führen kann, zu 90 Prozent heilbar. Verschiedene Medikamente stehen zu seiner Bekämpfung zur Verfügung. Mit einem solchen Erfolgsergebnis konnte man in den ersten Jahren nach seiner Entdeckung nicht rechnen. Denn das Virus entzog sich anfangs einer näheren Untersuchung und ließ sich nicht in einer Zellkultur vermehren. Ralf Bartenschlager gelang es, erstmals ein reproduzierbares Zellkultursystem auf der Basis eines Minigenoms zu entwickeln. „Dieses Minigenom, das ich gemeinsam mit Volker Lohmann schaffen konnte, hat uns fast fünf Jahre Forschungsarbeit gekostet“, erinnert sich Bartenschlager. Und manches Mal waren die Forscher kurz vor dem Aufgeben, denn Geduld, so gibt der Virologe zu, sei für ihn ein Fremdwort. Allerdings habe er wohl eine gewisse Frustrationstoleranz, meint er lächelnd. Und das Zellkultursystem, das letztendlich herauskam, rechtfertigte die Mühen – war es doch die Grundlage für alle Medikamente, die heute gegen Hepatitis C zur Verfügung stehen: Ein Testsystem für antivirale Wirkstoffe.

Ralf Bartenschlager hat sich von Beginn an für Viren interessiert. In seiner Promotion 1990 an der Universität Heidelberg befasste sich der junge Biologe mit der P-Protein des Hepatitis-B-Virus. Als Postdoktorand arbeitete er zunächst am Zentrum für Molekulare Biologie der Universität Heidelberg, bevor er 1991 zur Pharmafirma Hoffmann-La Roche in die Schweiz ging. Sein Auftrag: „Bauen Sie mal ein HCV-Programm auf!“ Und das tat er mit großem Engagement. Dass er nach vier Jahren wieder an die Universität wechselte, lag daran, dass er nicht nur Wissenschaftler, sondern auch von ganzem Herzen Familienvater sein wollte. „Wäre ich bei Roche geblieben, hätte ich mit meinen drei Kindern mittlerweile zahlreiche Umzüge quer über den Globus hinter mir“. Das kam für ihn nicht in Frage. Und so entschied sich der heute 55-jährige Bartenschlager gegen das Angebot von Roche, nach England zu gehen und folgte dem Ruf an die Uni Mainz. Seine Reagenzien durfte er mitnehmen und weiterentwickeln. 1999 gelang der erste große Durchbruch mit dem Minigenom und die Habilitation und im Jahr 2001 dann die Berufung auf eine Professur für Molekulare Virologie.

Die Entscheidung für die Ruperto Carola in Heidelberg auf eine Stiftungsprofessur der Chica und Heinz Schaller-Stiftung im Jahr 2002 war für den Virologen eine ganz klare Sache, obwohl er mehrere Angebote hatte; was er ganz uneitel nebenbei erwähnt. „Heidelberg hat eindeutig den besten Campus, eine solche Ballung von Life Sciences in Fußweg-Entfernung gibt es sonst nirgends“, ist er sich immer noch sicher. Dazu kommen das EMBL oder das Deutsche Krebsforschungszentrum in unmittelbarer Nähe. In Heidelberg machte Bartenschlager dann in Zusammenarbeit mit einem japanischen Wissenschaftler den nächsten großen Schritt: Er entwickelte das vollständige Vermehrungssystem für das Virus in Zellkultur, basierend auf einem infektiösen Hepatitis-C-Virusisolat des Kollegen aus Japan. Vom Eindringen in die Zelle über Vermehrung und Freisetzung ließ sich nun der gesamte Lebenszyklus des Virus im Labor nachvollziehen.

Mit dem von Bartenschlager entwickelten Zellkultursystem ist es in den letzten Jahren gelungen, weitere Medikamente gegen Hepatitis C zu entwickeln. Nachdem lange Jahre Interferon und das Virostatikum Ribavirin als Standardtherapie eingesetzt wurden, kamen 2011 mit Telaprevir und Boceprevir Proteasehemmer auf den Markt, vor kurzem ein neuer Proteasehemmer (Simeprevir) und der Polymerase-Hemmer Sofosbuvir. Kurz vor der Zulassung stehen außerdem sog. NS5A-Inhibitoren, die extrem potent sind und sehr schnell wirken. NS5A ist ein viruseigenes Protein, das bei der viralen Vermehrung eine wichtige Rolle spielt. „Damit ist Hepatitis C im Prinzip durch, was die Medikamentenentwicklung angeht“, meint der Virologe. Aber: „Wir können noch nicht sagen, ob Resistenzen ein Problem werden.“ Hier gelte es, aufmerksam zu beobachten, wie die Therapien wirken. Und auch die Nebenwirkungen der verschiedenen Kombinationstherapien, der Einsatz der neuen Therapien bei Hepatitis C-Patienten mit fortgeschrittener Lebererkrankung sowie die Kontrolle der Behandlung mit Biomarkern erfordern noch einiges an Forschung.

Für das DZIF und für seine Arbeiten im Rahmen dieses Verbundes sieht Ralf Bartenschlager noch einige wichtige Aufgaben. „Man weiß zum Beispiel noch gar nicht, wie die Inhibitoren von NS5A, mit denen demnächst viele Menschen behandelt werden, genau funktionieren.“ Und das sollte man seiner Meinung nach doch unbedingt wissen. Und noch eine wichtige Zukunftsaufgabe steht aus, wenn man über Hepatitis C spricht: Es gibt bisher keinen Impfstoff gegen diese Krankheit, die vor allem in Entwicklungsländern oft nicht behandelt werden kann. Die Medikamente sind vorhanden, doch sie sind nur für wenige bezahlbar.

Neben Hepatitis C ist er natürlich auch in die Forschungen anderer Hepatitis-Viren eingebunden. Als Mitkoordinator der TTU Hepatitis innerhalb des DZIF verfolgt er sehr aufmerksam die Entwicklung eines neuen Wirkstoffs, genannt Myrcludex B, der ebenfalls an der Uni Heidelberg unter Federführung von Stephan Urban entwickelt wird. Hier werde sich bald in klinischen Studien zeigen, ob Myrcludex B eine Chance hat, auf den Markt zu kommen.  

Viel Zeit für Hobbies und Familie kann bei einem so erfolgreichen Wissenschaftlerdasein nicht bleiben, oder? „Kommt etwas zu kurz“, gibt Bartenschlager zu. Aber zwei Töchter seien bereits autonom und mit dem jetzt zehnjährigen Sohn verbinde ihn die Liebe zum Sport, und da ließe sich schon am Wochenende gemeinsam etwas unternehmen.

In der Forschung hat sich noch jüngst eine weitere Perspektive aufgetan: Seit 2014 ist Ralf Bartenschlager auch Leiter der Abteilung „Virusassoziierte Karzinogenese“ am Deutschen Krebsforschungszentrum. Sowohl Hepatitis B als auch C können Leberkrebs auslösen, wenn sie nicht rechtzeitig und erfolgreich behandelt werden.

Vor kurzem wurde der Virologe für seine herausragenden wissenschaftlichen Leistungen mit dem hochdotierten Lautenschläger-Forschungspreis ausgezeichnet. Es wird vermutlich nicht die letzte Auszeichnung sein.



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