Präzisionsmedizin für die Leber
Im Rahmen des Projekts „StopPSC“ forscht ein Team der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) an neuen Therapien für chronisch entzündete Gallenwege.
Etwa einer von 10.000 Menschen in Deutschland ist von einer „primären sklerosierenden Cholangitis“ (PSC) betroffen. Um Fette aus der Nahrung verdauen zu können, braucht der Darm Galle. Diese wird in der Leber gebildet und gelangt von dort über die Gallenblase und -gänge in den Darm. Wenn sich diese Gallengänge chronisch entzünden, kann es zu quälendem Juckreiz, Müdigkeit und Gewichtsverlust sowie zu Leberversagen kommen. Häufig zieht eine PSC auch eine Lebertransplantation nach sich. Meist entwickelt sich die Erkrankung zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr.
Bisher kann PSC nicht geheilt werden. Es gibt lediglich die Möglichkeit, die Symptome zu behandeln. Beispielsweise werden Antibiotika eingesetzt, die jedoch zu breit wirken und zu Resistenzen führen. Im Rahmen des im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) laufenden Projekts „StopPSC“ erforscht nun ein Team aus Wissenschaftler:innen der MHH und des HZI einen neuen therapeutischen Ansatz – auf Basis von Grippemedikamenten.
„Wir entwickeln maßgeschneiderte Therapien für die primäre sklerosierende Cholangitis (PSC) mithilfe optimierter Wirkstoffe, um die Prognose von Patientinnen und Patienten zu verbessern“, sagt der Sprecher des Projekts, Prof. Dr. Benjamin Heidrich. Er arbeitet an der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie, Infektiologie und Endokrinologie der MHH und ist ebenfalls stellvertretender Koordinator des DZIF-Forschungsbereichs „Ambulant erworbene Infektionen an mukosalen Grenzflächen“.
Forschungsteam entwickelt Pathoblocker
Grundlage für die Forschungsarbeit ist, dass in den Gallengängen eine komplexe Gemeinschaft verschiedener Bakterienarten lebt – auch bei gesunden Menschen. Wenn bestimmte Bakterienarten verstärkt auftreten, verschlechtert sich die Erkrankung. Dabei geht es nicht um die Bakterien an sich, sondern um die von ihnen produzierten Enzyme: Die sogenannten Sialidasen greifen die Zellen der Gallengänge an, sodass diese nicht mehr vor der Gallensäure geschützt sind und sich entzünden. Im Projekt StopPSC wollen die Forschenden nun einen Wirkstoff entwickeln, der die Sialidasen gezielt hemmen kann. Solche Wirkstoffe, die von den Bakterien produzierte krankmachende Stoffe hemmen, werden Pathoblocker genannt.
Das Team untersucht zunächst am Computer und dann im Labor, ob bestimmte Grippemedikamente stark und genau genug wirken. Anschließend wollen sie herausfinden, wie die Wirkstoffe in die Gallenwege kommen und wie sich dort gut verteilen können. Ihr Ziel ist, ein Patent zu entwickeln, das Firmen zur klinischen Anwendung bringen können. StopPSC baut auf die bisherige Forschung im Rahmen des Exzellenzclusters RESIST und des DZIF auf.
Das Land Niedersachsen und die VolkswagenStiftung unterstützen das Projekt „Sialidase targeting pathoblocker therapy for primary sclerosing cholangitis“ (StopPSC) finanziell: im Rahmen des Programms „zukunft.niedersachsen“ werden zwei Millionen Euro beigesteuert. Das Programm fördert Projekte, die neue Diagnosen und Therapien für seltene Erkrankungen entwickeln wollen. Als selten gelten Erkrankungen, wenn sie weniger als fünf von 10.000 Menschen betreffen. Seltene Erkrankungen sind oft besonders schwer zu diagnostizieren und zu behandeln.
Quelle: Pressemitteilung der MHH