Parlamentskreis gegen Antimikrobielle Resistenzen: Antibiotika-Innovationen stärken, Versorgung sichern
Unter dem Titel „Hightech-Agenda Antibiotika – Strategische Weichen für Innovation und Versorgungssicherheit“ diskutierte der Parlamentskreis gegen Antimikrobielle Resistenzen (PKAMR) am 12. Juni 2026, wie Deutschland seine Forschungs-, Entwicklungs- und Produktionskapazitäten für Antibiotika zukunftsfest aufstellen kann.
Resistenzen bedrohen zunehmend die Gesundheitsversorgung
Die stellvertretende Vorsitzende des PKAMR, Dr. Franziska Kersten (MdB), mahnte zu Beginn, das Thema antimikrobielle Resistenzen dauerhaft auf der politischen Agenda zu halten. Resistenzen seien längst keine abstrakte Zukunftsgefahr mehr, sondern gefährdeten bereits heute die Sicherheit – selbst bei Routineeingriffen und Standardoperationen.
Zugleich verwies Kersten auf das grundlegende Dilemma der Antibiotikaentwicklung: Jedes neu zugelassene Antibiotikum werde langfristig zur Entstehung weiterer Resistenzen beitragen. Die kontinuierliche Entwicklung neuer Wirkstoffe sei daher unverzichtbar, weil dem evolutionären Prozess der Resistenzentwicklung nur durch kontinuierliche Innovation und einen verantwortungsvollen Einsatz begegnet werden könne.
Forschung stark, Skalierung bleibt Schwachstelle
Prof. Dr. Rolf Müller, Geschäftsführender Direktor des Helmholtz-Instituts für Pharmazeutische Forschung Saarland (HIPS) und Wissenschaftler im Forschungsbereich Neue Antibiotika des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF), zeichnete ein differenziertes Bild der deutschen Antibiotikaforschung. In der präklinischen Forschung und den frühen klinischen Entwicklungsphasen sei Deutschland gut aufgestellt. Defizite bestünden jedoch bei der Skalierung und der Überführung vielversprechender Wirkstoffe in spätere Entwicklungsphasen sowie in die industrielle Produktion.
Müller betonte zudem, dass die globale Antibiotika-Pipeline insgesamt schmal und fragil sei. Ein Wegfall der Finanzierung zentraler Förderakteure wie CARB-X könne erhebliche negative Auswirkungen auf die Entwicklung neuer Antibiotika haben. Er warnte, dass Investitionen in die Forschung durch die öffentliche Hand (Push-Mechanismen) ins Leere laufen, wenn es nicht gleichzeitig Pull-Instrumente gebe.
Fehlende Marktanreize bremsen Innovationen
Dr. Holger Zimmermann, Geschäftsführer des Frühphasen-Inkubators INCATE, betonte die zentrale Rolle kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) bei der Entwicklung neuer Antibiotika. Lediglich fünf Prozent der Innovationen stammten von großen Pharmaunternehmen, 14 Prozent aus Universitäten. Mit 81 Prozent werde der überwiegende Teil neuer Entwicklungen von KMU vorangetrieben.
INCATE, gegründet von der Universität Basel, dem Leibniz-HKI Jena und dem DZIF und unter anderem gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), unterstützt akademische Gruppen, Start-ups und KMU in der kritischen Frühphase vor allem in Deutschland, der Schweiz und der Europäischen Union. Zimmermann warnte wie Prof. Dr. Rolf Müller vor einer drohenden Finanzierungslücke, falls die deutsche Unterstützung für Initiativen wie CARB-X und INCATE wegfiele. Ohne einen funktionierenden Markt, der Innovationen belohne, sei das bestehende System langfristig nicht tragfähig.
Johanna Wegenaer, Managerin Government Affairs bei GSK, ergänzte die Diskussion um die Perspektive der Industrie. Häufig würden bestehende Wirkstoffe weiterentwickelt, während Investitionen in vollständig neue Antibiotikaklassen sehr selten seien. Nur große Pharmaunternehmen seien finanziell in der Lage, die teuren späten klinischen Entwicklungsphasen durchzuführen. Ein tragfähiger Innovationsmarkt existiere jedoch nicht, weswegen diese Investitionen wirtschaftlich kaum zu rechtfertigen seien.
Da Antibiotika nach ihrer Zulassung gezielt zurückhaltend eingesetzt würden, reichten die erzielbaren Umsätze häufig nicht aus, um die hohen Entwicklungskosten zu refinanzieren. Wegenaer sprach sich deshalb für eine strukturelle Entkopplung von Umsatz und Absatz aus. Als Vorbild nannte sie das britische Subskriptionsmodell, bei dem die Verfügbarkeit eines Antibiotikums unabhängig vom tatsächlichen Verbrauch vergütet wird. Vergleichbare freiwillige Abonnementmodelle würden inzwischen auch auf europäischer Ebene diskutiert.
Lieferketten stärken, Abhängigkeiten reduzieren
In der abschließenden Diskussion rückte die Versorgungssicherheit in den Mittelpunkt. Europa ist bei der Herstellung vieler Antibiotika-Wirkstoffe weiterhin stark von Produktionsstandorten in China und Indien abhängig. Unterbrechungen in den Lieferketten könnten daher rasch zu Versorgungsengpässen führen.
Die Teilnehmenden waren sich einig: Eine zukunftsorientierte Strategie für Antibiotika muss die gesamte Wertschöpfungskette in den Blick nehmen – von der Grundlagenforschung über Translation und Finanzierungsmodelle bis hin zu Produktion, Lieferkettensouveränität und wirksamen marktwirtschaftlichen Anreizstrukturen. Die Teilnehmenden waren sich zudem einig, dass aufgrund der Haushaltssituation zwar gespart werden muss, relevante Bereiche und Institutionen, die für die Erforschung und Herstellung von Reserveantibiotika wichtig sind, aber geschützt werden müssen. Auch wurde deutlich, dass eine Lösung nicht im nationalen Alleingang, vielmehr nur gesamteuropäisch erreicht werden kann.
Dr. Franziska Kersten versicherte, sie werde sich bei den europäischen Kolleg:innen erkundigen, wie dort der Stand der Debatte ist, und Kontakt zu den Bundestagsabgeordneten aufnehmen, die für die Gesundheits- und Forschungsbudgets zuständig sind.
Quelle: Meldung des Deutschen Netzwerks gegen Antimikrobielle Resistenzen (DNAMR)