Vorsorge gegen künftige Pandemien: Impfstoffkandidat gegen MERS zeigt langanhaltende Immunantwort

Eine neue Studie zeigt erstmals, dass ein experimenteller Impfstoff gegen das Middle East Respiratory Syndrome (MERS) auch zwei Jahre nach Auffrischungsimpfung eine stabile und funktionsfähige Immunantwort im Menschen auslöst. MERS gehört zur WHO-Liste der prioritären Krankheitserreger (WHO R&D Blueprint for Epidemics), für die dringend Impfstoffe und Therapien benötigt werden. Die Ergebnisse markieren einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einem wirksamen Impfstoff gegen MERS und stärken die wissenschaftliche Grundlage für die Pandemieprävention. Die klinische Langzeitstudie wurde von einem internationalen Forschungsteam des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) durchgeführt, durch das DZIF und die Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI) gefördert und in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht.

Untersucht wurde der Impfstoffkandidat MVA-MERS-S, der auf einem abgeschwächten Pockenvirus basiert und dem Immunsystem das Spike-Protein des MERS-Coronavirus (MERS-CoV) präsentiert. MERS ist seit 2012 bekannt, verursacht schwere Atemwegserkrankungen mit einer hohen Sterblichkeitsrate von bis zu 36 Prozent und zirkuliert weiterhin in Tierreservoiren, z. B. Dromedaren. Obwohl Infektionen beim Menschen bislang selten sind, gilt das Virus als potenzielle Bedrohung für zukünftige Ausbrüche. In Frankreich und in Saudi-Arabien wurden in den letzten zwei Monaten neue MERS-Fälle registriert. Bis heute existiert kein zugelassener Impfstoff gegen MERS und es gibt keine spezifische Therapie. 

Zusätzliche Auffrischungsimpfung verbessert langfristige Immunantwort deutlich

In einer klinischen Phase-I-Studie erhielten gesunde Erwachsene in Hamburg und Rotterdam drei Impfungen mit MVA-MERS-S. Für die nun veröffentlichte Langzeitbeobachtung der Studie untersuchte das Forschungsteam bei 48 Teilnehmenden aus Hamburg, wie gut das Immunsystem 24 Monate nach der dritten Impfung noch auf das Virus vorbereitet ist. Die Analyse zeigte, dass sowohl MERS-CoV-spezifische Antikörper als auch spezialisierte Abwehrzellen weiterhin vorhanden waren. Besonders auffällig war, dass die Antikörperspiegel stabil blieben und auf einem Niveau lagen, das den höchsten gemessenen Werten nach der zweiten Impfung entsprach. Zudem konnten die Antikörper klinisch-relevante zirkulierende Varianten des MERS-Coronavirus neutralisieren. 

Eine langanhaltende Immunantwort deutet in diesem Zusammenhang darauf hin, dass der Körper das Virus auch lange nach der Impfung noch erkennt und schnell darauf reagieren kann. Die Studie zeigt, dass dies vor allem möglich ist, wenn eine gezielte Auffrischungsimpfung erfolgt. 

„Dass wir zwei Jahre nach der letzten Impfung noch eine so stabile Immunantwort messen können, war in dieser Form nicht selbstverständlich“, sagt Erstautorin Dr. Leonie Mayer aus dem Institut für Infektionsforschung und Impfstoffentwicklung (IIRVD) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). „Unsere Ergebnisse zeigen, dass eine zusätzliche Auffrischungsimpfung die langfristige Immunantwort deutlich verbessert.“

Langzeitdaten zeigen erstmals langlebige Immunantwort

Dass es bislang keinen zugelassenen MERS-Impfstoff gibt, liegt vor allem daran, dass die Krankheit selten und unvorhersehbar auftritt. Große Wirksamkeitsstudien sind dadurch schwer durchführbar. Umso wichtiger ist es, in frühen klinischen Studien die Immunantworten detailliert zu analysieren, um erste Erkenntnisse über die Wirksamkeit des Impfstoffs zu sammeln. Die jetzt vorliegenden Langzeitdaten schließen eine zentrale Wissenslücke, da sie erstmals zeigen, wie langlebig die durch eine MERS-Impfung ausgelöste Immunantwort sein kann. 

„Diese Studie ist ein weiterer wichtiger Schritt für die globale Vorbereitung auf neu auftretende Viren“, sagt Prof. Dr. Marylyn Addo, wissenschaftliche Leiterin der Studie und Institutsdirektorin des IIRVD. „Sie zeigt, dass wir Impfstoffe entwickeln können, die nicht nur kurzfristig Effekte erzielen, sondern eine langlebige Immunantwort hervorrufen. Dieses Wissen ist entscheidend, um vor allem in Risikogruppen zukünftige Ausbrüche früh einzudämmen und die Gesellschaft besser zu schützen“, ergänzt Addo, die seit Anfang des Jahres Stellvertretende Vorstandsvorsitzende des DZIF ist und das Brückenthema Vakzine im DZIF mitkoordiniert.

Die Ergebnisse bilden eine wichtige Grundlage für weitere klinische Studien und für die strategische Entwicklung von Impfstoffen gegen MERS und andere neu auftretende Viren. Die Studie wurde in einem Konsortium des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) durchgeführt, an dem neben dem UKE auch das Institut für Virologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin, das Institut für Virologie der Philipps-Universität Marburg sowie das Department of Viroscience am Erasmus Medical Centre in Rotterdam (Niederlande) beteiligt waren. Sie wurden in enger Kooperation mit dem Sonderforschungsbereich 1648 „Emerging Viruses: Struktur, Pathogenese und Immunität“ durchgeführt. 

Quelle: Pressemitteilung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf

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